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04.01.2012

Das Erdbeben vom 4. Jänner 1572 in Innsbruck

Dieses Beben wurde u. a. im Rahmen eines INTERREG IV Projektes – HAREIA/ Historical And Recent Earthquakes in Italy and Austria – untersucht.

 Das Projekt - HAREIA – Historical And Recent Earthquakes in Italy and Austria

 

Das Erdbeben vom 4. Jänner 1572 in Innsbruck

Innsbruck und Bozen © ZAMG Geophysik Hammerl

„Die Vielzahl der Erdbeben im Bereich Tirol, dem Friaul aber auch in Südtirol und Veneto stellen eine nicht unerhebliche Gefahr für diesen Wirtschaftsraum dar, wie die Erdbeben 1976 im Friaul – wo es leider auch viele Todesopfer zu beklagen gab –, aber auch das Beben 2001 in Meran und eine Vielzahl von Historischen Erdbeben gezeigt haben”, meint der Seismologe Wolfgang Lenhardt, Leiter der Abteilung Geophysik an der ZAMG.

Im Rahmen eines INTERREG IV Projektes – HAREIA – ist daher die Erstellung eines neuen, gemeinsamen Erdbebenkatalogs für diese Wirtschaftsregion die oberste Zielsetzung des Leadpartners

  • dem Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Zivil- und Katastrophenschutz und der Projektpartner − dem Amt für Geologie und Baustoffprüfung, Autonome Provinz Bozen – Südtirol
  • der Protezione Civile di Palmanova, Autonome Region Friaul-Julisch-Venetien
  • und der ARPAV – Agenzia Regionale per la Prevenzione e Protezione Ambientale del Veneto – Dipartimento Provinciale di Belluno.

 

Damit kann eine zeitgemäße Einschätzung der Erdbebengefährdung durchgeführt werden, die dazu dient zukünftigen Katastrophen mit geeigneten Maßnahmen rechtzeitig zu begegnen, um Verluste zu reduzieren.

Im Projekt HAREIA wurden für die Einschätzung der Erdbebengefährdung im Untersuchungsbereich zwei Schwerpunkte gesetzt

  • einerseits die Ergänzung des vorhandenen Messnetzes mit jeweils drei Erdbebenmessstationen pro Region und
  • die Prüfung bzw. Neubearbeitung bestehender Interpretationen der wichtigsten historischen Erdbeben im Untersuchungsbereich.

 

Die ZAMG/Geophysik wurde vom Lead Partner des Projektes – dem Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Zivil- und Katastrophenschutz – beauftragt, diese Arbeiten für Tirol durchzuführen.

Wolfgang Lenhardt umreißt die Arbeiten folgendermaßen: „Thema sind die Neubewertung der stärksten Erdbeben in Tirol bis 1900 und die Errichtung von drei zusätzlichen Erdbebenstationen im Lechtal, im Zillertal und im Stubaital zur Verbesserung der Lokalisierungsgenauigkeit der Erdbeben in Tirol und im angrenzenden Ausland.”

 

Das Erdbeben vom 4. Jänner 1572 in Innsbruck

Stadtarchiv Innsbruck StAI, Ratsprotokoll 1572, f.141r
Historische Quelle: Stadtarchiv Innsbruck StAI, Ratsprotokoll 1572, f.141r © ZAMG Geophysik Hammerl

Die Historikerin Christa Hammerl, Abteilung Geophysik der ZAMG, spürt vor allem in Tiroler Archiven Originalquellen auf, die Informationen zu den wichtigsten Historischen Erdbeben enthalten, um die Qualität einer Interpretation und Neubewertung der Historischen Erdbeben zu verbessern. Auch zum Erdbeben vom 4. Jänner 1572 in Innsbruck hat sie zeitgenössische Quellen in den Archiven ausgehoben:

„Das Beben vom 4. Jänner 1572 zählt zu den stärkeren Beben in Tirol. Auf Grund der im Rahmen des Projektes in den Archiven ausgehobenen und quellenkritisch interpretierten historischen Originalquellen konnte das Epizentrum für Innsbruck bestätigt werden, die Epizentralintensität wurde mit 6-7° auf der 12-teiligen EMS-98 (Europäische Makroseismische Skala) abgeschätzt. Das bedeutet, dass viele Personen erschrecken und ins Freie flüchten. An Gebäuden treten leichte bis mittlere Gebäudeschäden, wie kleine Mauerrisse, Abfall von Putz, Herabfallen von Schornsteinteilen auf und bei Gebäuden in schlechterem Bauzustand, wie das in Innsbruck und Hall zum Teil der Fall war, können größere Mauerrisse auftreten und Zwischenwände einstürzen. Das Beben vom 4. Jänner 1572 wurde auch in Kundl, Schwaz und Wattenberg wahrgenommen, in Absam wurde die Kirche beschädigt.“

Historische Quellenbeispiele – eine Auswahl

Jacob von Boimont zu Pairsberg (1527-1581), Gesandter und Ratsmann, u. a. beim Bischof von Brixen und Trient, schreibt in seiner Autobiographie folgendes über das Erdbeben: 1572 Den 4. januari ist zu Innsprugg Nachmittag zwischen 7 und 8 uhr ein großer erdpiden khomen, und also die ganze nacht hinaus alle stundt etlich klainer und großer …, dass vil heiser erkhloben sein [Anm.: Sprünge aufweisen], vill kamich [Anm.: Rauchfänge vom Dach gefallen] und offen nider gefallen … Auch in den Innsbrucker Ratsprotokollen findet man u.a. noch am 14. Juli 1572 eine Eintragung, dass der Innturm (im 18. Jhdt. geschliffen) durch das Erdbeben und die vielen Nachbeben so beschädigt wurde, dass man den oberen Teil abtragen und neu errichten muss. (StAI, Ratsprotokoll 1572, f.162v) Franz Schweygers Chronik der Stadt Hall (David Schönherr Hrsg.: Franz Schweygers Chronik der Stadt Hall 1303-1572. Tirolische Geschichtsquellen 1, Innsbruck 1867) berichtet über Vorbeben, das Hauptbeben und die vielen Nachbeben in Hall in Tirol. Dass die Bevölkerung nach dem Erdbeben in Furcht lebte, erkennt man auch daran, dass auf solliche obbeschehne erschröckhliche und graussame erdtpidn man in Hall am 11., 14. und 16. Jänner 1572 eine Prozession, wie zu Fronleichnam, durchführte.

Auch über die Ursache von Erdbeben machte man sich Gedanken. In den Regierungskopialbüchern im Tiroler Landesarchiv findet man ein Schreiben – Mandat Vonwegen abstellung des Sündtlichen vnd vnpuesfertigen Lebens –, in dem man, dem Zeitgeist entsprechend, die Ursache der Erdbeben damit begründete, dass der allmächtige Gott uns hier und an anderen Orten, mit den erschrecklichen grausamen und zuvor unerhörten Erdbeben heimgesucht hat, welches allein daher erfolgt, dass durch aus keine Buße oder Besserung des Lebens gespürt wird… (Regierungskopialbücher Nr.51,1572, fol.7r )

Die Forschungsarbeiten im Rahmen des Projektes HAREIA wurden 2009 begonnen und werden 2012 abgeschlossen.

http://www.tirol.gv.at/themen/sicherheit/katziv/lwz/hareia/

Dr. Christa Hammerl / Univ.Doz.Dr. Wolfgang Lenhardt
Seismologischer Dienst
Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik
Hohe Warte 38, 1190 Wien
seismo@zamg.ac.at

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Holzschnitt aus der 'Weltchronik' von Hartmann Schedel, 1493. 'Und der Engel nahm das Rauchfaß und füllte es mit Feuer vom Altar und warf es auf die Erde, und Donner folgten, Getöse, Blitze und Beben.' Offenbarung 8,5 © ZAMG Geophysik Hammerl
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