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20.09.2013

Erdbeben im Raum Ebreichsdorf (NÖ)

Erdbeben im Raum Ebreichsdorf (NÖ)

©ZAMG

Am Freitag, den 20. September 2013, ereignete sich um 04:06 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit im Raum Ebreichsdorf, Niederösterreich, ein Erdbeben mit einer Magnitude von 4,3.

Ebreichsdorf Epizentrum Karte
Epizentrum bei Ebreichsdorf (AMAP)

Bereits mehr als 3600 Meldungen

Beim Österreichischen Erdbebendienst der ZAMG langten über 3600 Meldungen über das Online-Wahrnehmungsformular (http://www.zamg.ac.at/bebenmeldung) und per Telefon ein.

Christiane Freudenthaler, Seismologin an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geophysik (ZAMG): „Schon in den ersten Stunden nach dem Beben, sind mehr als 3600 Wahrnehmungsberichte über unsere Website eingelangt. Das Erdbeben wurde nicht nur in Niederösterreich, sondern auch im Burgenland und in Wien deutlich verspürt. Vereinzelt gab es Meldungen aus Oberösterreich und der Steiermark.
Wir haben bisher auch rund 150 Meldungen über leichte Schäden, wie Verputzrisse und kleine Risse zwischen Wand und Decke. Auch feine Sprünge in Fliesen und in einer Fensterscheibe wurden uns gemeldet."

Etwa die Hälfte der Bebenmeldungen stammt aus Wien, wo das Beben teilweise noch so stark verspürt wurde, dass Leute von den Erschütterungen aufwachten. Die Epizentralintensität erreichte nach vorläufigen Auswertungen 5-6 Grad auf der zwölfteiligen Europäischen Makroseismischen Skala (EMS-98).

Ebreichsdorf Meldungen Karte
In der Abbildung sind über 250 Orte eingetragen, aus denen Fühlbarkeitsmeldungen dem Österreichischen Erdbebendienst zugetragen wurden. Schadensmeldungen sind durch schwarze Punkte gekennzeichnet. Quelle ZAMG.

Beben dieser Stärke in Österreich durchschnittlich alle zwei Jahre

Statistisch gesehen kommen Erbeben in dieser Stärke in Niederösterreich alle zehn Jahre vor, in Österreich alle zwei Jahre. Das letzte Beben ähnlicher Stärke ereignete sich in Österreich am 2. Februar 2013 in Bad Eisenkappel, Kärnten, mit einer Magnitude von 4,4. Das letzte Beben mit ähnlicher Stärke im Raum Ebreichsdorf ereignete sich am 11. Juli 2000 mit einer Magnitude von 4,8. Diese Magnituden liegen alle deutlich unter der Stärke des großen Schadenbebens von Seebenstein (NÖ) im Jahr 1972, wo eine Magnitude von 5,3 gemessen wurde.

Historische Erdbeben in Ebreichsdorf

Wie die historische Erdbebenforschung gezeigt hat, war Ebreichsdorf auch während der vergangenen Jahrhunderte immer wieder Schauplatz stärkerer Erdbeben. Das erste Beben, das dokumentierte Schäden zur Folge hatte, ereignete sich im Jahr 1590 mit einer rekonstruierten Magnitude von 3,9. Im Jahre 1938 fand das stärkste und folgenschwerste Beben statt, das in Ebreichsdorf jemals gemessen wurde. Es wies eine Magnitude von 5,0 auf. Damals kam es im Bereich des Epizentrums an fast allen Häusern Beschädigungen des Mauerwerks, wobei manche Risse zentimeterbreit waren. Rauchfänge wurden beschädigt, in Baden stürzten Ballustraden herab, im 10. Wiener Gemeindebezirk stürzten Fabrikschlote ein. Ebreichsdorf war auch in jüngerer Vergangenheit Epizentrum von einem kräftigen Erdbeben, so hatte das Beben vom 11. Juli 2000 eine Magnitude von 4,8, wobei an vielen Häusern Verputzrisse entstanden.

Dieser im österreichischen Vergleich relativ hohen Erdbebengefährdung, die vergleichbar mit jener von Wiener Neustadt oder Innsbruck ist, wird in der ÖNORM EN 1998-1 zur erdbebenangepassten Bauweise Rechnung getragen . Siehe auch www.oge.or.at.

Zerrgebiet“ Wiener Becken

Das Wiener Becken, in dem sich das Erdbeben Freitag Früh ereignet hat, ist eine der typischen Erdbeben-Zonen Österreichs. Vereinfacht gesagt driften die Flanken des Wiener Beckens auseinander, wodurch es immer wieder zu Brüchen in der Erdkruste kommt. Christiane Freudenthaler von der ZAMG „Der Grund liegt in der horizontalen Verschiebung der Erdkruste entlang der Mur-Mürztal-Störung. Sie bewirkt, dass der östliche Krustenteil nach Osten gedrängt wird. Im Rahmen dieser Bewegung entstand das Wiener Becken, das von einer Tiefenstörung durchquert wird, die sich von Seebenstein über Wiener Neustadt, Ebreichsdorf und Schwadorf nach Marchegg erstreckt. Entlang dieser Bruchzone ereigneten sich in der Vergangenheit wiederholt stärkere Erdbeben, wie etwa in Schwadorf 1927 und Ebreichsdorf 1938 und 2000.“

Der Herdprozess, der die zugrundeliegende Mechanik eines Erdbebens beschreibt, legt, nach einer ersten Auswertung der Ersteinsätze der Kompressionswelle, eine Seitenverschiebung mit anteiliger Abschiebung nahe.  Der östliche Teil der Tiefenstörung driftet nach Nordosten und öffnet damit das Wiener Becken. Das Beben fand im Vergleich zu früheren Beben in relativ großer Tiefe statt (12km).

Registrierungen an den seismischen Stationen des Österreichischen Erdbebendienstes

Das Erdbeben wurde an 17 seismischen Stationen des Österreichischen Erdbebendienstes aufgezeichnet.  Die Abbildung zeigt ein Seismogramm des Bebens, das in einer Epizentralentfernung von etwa 40 Kilometern am Conrad Observatorium der ZAMG bei Pernitz in Niederösterreich registriert wurde.


zamg_seismogramm-ebreichsdorf_130920

Seismogramm vom Erdbeben im Raum Ebreichsdorf: Die Grafik zeigt die Aufzeichnung des Erdbeben-Messgerätes der ZAMG im Conrad-Observatorium (Trafelberg, NÖ). Der Ausschnitt zeigt ca. 30 Sekunden. Quelle: ZAMG. Abb. bei Nennung der Quelle kostenlos nutzbar.

->hier Download in voller Auflösung


Web-Links

ZAMG Erdbeben-Warnehmungsmeldung:
www.zamg.ac.at/cms/de/aktuell/erdbeben

ZAMG Erdbeben-Informationen:
www.zamg.ac.at/cms/de/geophysik/erdbeben/aktuelle-erdbeben

ZAMG allgemein: www.zamg.at und www.facebook.com/zamg.at

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