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Niederösterreich

Abk.GHISTNO und GSEISNO
ThemenbereichHistorische Erdbeben, Ergänzung und Korrektur des Österreichischen Erdbebenkatalogs der ZAMG, seismologische Interpretation
StatusAbgeschlossen
Zusammenfassung
Neu gefundene Erdbeben
Neu gefundene Erdbeben
ZAMG/Hammerl
Für die Einschätzung der Erdbebengefährdung in Niederösterreich wurden zwei Schwerpunkte gesetzt:
  • Lückenforschung – zwischen 1000 und 1589 sind keine Erdbeben bekannt, deren Epizentren in Niederösterreich lagen; für das 16. bis 19. Jahrhundert Vervollständigung des Erdbebenkatalogs
  • Prüfung bzw. Neubearbeitung bestehender Interpretationen der für Niederösterreich wichtigsten historischen Erdbeben
AusgangssituationBetrachtet man den Zeitraum zwischen 1000 und 1900 im Österreichischen Erdbebenkatalog, so erhält man 23 Erdbebeneintragungen, hingegen für den Zeitraum zwischen 1900 und 2000 um 400 Erdbeben, die für Niederösterreich aufgezeichnet wurden. Diese Diskrepanz ergibt sich aus der Unvollständigkeit der historischen Erdbeben vor 1900, was kennzeichnend für die meisten vorliegenden Erdbebenkataloge ist. Besonders schlecht dokumentiert ist die Zeitspanne von 1000 bis 1841, in welcher insgesamt nur 9 Beben im Katalog vermerkt sind.
ProjektzieleHistorische Originalquellen werden für das Projektgebiet Niederösterreich erforscht, nach dem Stand der Historischen Erdbebenforschung analysiert und interpretiert. Das Projekt schafft erstmals einen wissenschaftlich fundierten historischen Informationsstand, der als Grundlage für eine darauf aufbauende seismologische Interpretation im Rahmen einer eigenen Erdbebengefährdungsstudie dient.
Methodik
Quellenbeispiel
Quellenbeispiel: Gemein=Buch des guett Guettenbrun genandt. De Anno 1730. Stadtarchiv Baden, MS GG/1. Innenansicht.
ZAMG/Hammerl
Die erforschten historischen Originalquellen werden nach dem Stand der Wissenschaft interpretiert.
AbwicklungErfassung der historischen Originalquellen und anschließende historische und seismologische Interpretation.
ErgebnisseDie Ergebnisse des Projektes Historische Erdbebentätigkeit in Niederösterreich zeigen, dass durch die Historische Erdbebenforschung einerseits Lücken im Erdbebenkatalog geschlossen, andererseits die stärksten Erdbeben in Niederösterreich durch Quellen neu belegt werden konnten (siehe Diagramm). Die Ergebnisse dienen als Basis für eine darauf aufbauende seismologische Studie, um das Wissen der Seismischen Gefährdung von Niederösterreich dem heutigen Stand der Wissenschaft anpassen zu können. Auch die Erstellung einer „Seismischen Geschichte“ für jeden Standort wird durch die erstmalige Angabe der (I) DP´s (intensity) – data points – für Niederösterreich möglich. Die seismische Geschichte eines Standortes ist grundlegend für alle Aspekte der Raumordnung, wie z.B. für sensible Bauprojekte, Schutzbauten, Verkehrsanlagen, wie Brücken, Industrieanlagen, Umweltschutzanlagen, Deponien, Entsorgungsanlagen, Zivil- und Katastrophenschutzeinrichtungen, Konservierung historischer Gebäude usw. Die Dokumentation aller Quellen soll die Studie transparent für darauf aufbauende Untersuchungen machen, die erstmalige Angabe der so genannten (I)DP´s eine realistische Abschätzung der Parameter eines Bebens ermöglichen.
Insgesamt wurden 10.370 Hinweise auf Erdbeben verfolgt bzw. analysiert, die sich auf 332 Ereignisse bezogen, wovon 204 auf den Zeitraum vor 1900 entfielen. In 22 Fällen musste eine Epizentralintensität angenommen werden. Dies betraf hauptsächlich Nachbeben, deren Intensitäten relativ zum Hauptereignis eingeschätzt wurden. In neun Fällen war die Datenlage so schlecht, dass das Epizentrum geschätzt werden musste. Dies betraf durchwegs Ereignisse vor 1900.
In 106 Fällen ist eine Ergänzung – d.h. dezitierte Angaben über das Epizentrum oder die Epizentralintensität – für den Erdbebenkatalog wünschenswert, jedoch aufgrund der Datenlage derzeit nicht möglich. Hierbei handelt es sich um allgemeine Angaben, wie z.B. „in Niederösterreich war ein Erdbeben“. Diese Fälle entziehen sich damit bis auf weiteres statistischen Untersuchungen.
Auch „fakes“, also fälschlich als Erdbeben interpretierte Einträge im Erdbebenkatalog, als auch in den Originalquellen, wurden dokumentiert, um zukünftigen Untersuchungen diesen Arbeitsschritt zu ersparen. Es handelte sich dabei um 21 „fakes“, die alle vor 1900 auftraten. Das prominenteste dieser Ereignisse war das scheinbare Erdbeben von 1668 in Wiener Neustadt mit einer ursprünglich angenommenen Epizentralintensität vom Grad 7.
Bei 34 Fällen (0,3 % des Datensatzes) sind die Datenpunkte (Orte), die in Berichten erwähnt wurden, nicht eruierbar. Davon entfiel der Großteil (26 von 34) auf den Zeitraum vor 1900.
In 312 Fällen war die Datenlage nicht ausreichend, um lokale Intensitäten sicher bestimmen zu können. Eine Zuordnung von lokalen Intensitäten zu den Datenpunkten (IDP) war in 9.387 Fällen möglich, wovon 911 auf den Zeitraum vor 1900 entfielen. In 10.331 Fällen konnte nur die Ortschaft eruiert werde, die Nachrichten ließen jedoch keine Interpretation der lokalen Intensität zu.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aus den Jahren 1900-1990 – also 91 Jahre, 8.476 Intensitätsdatenpunkte bestimmt werden konnten, das entspricht im Durchschnitt 93 pro Jahr. Aus dem Zeitraum zwischen 1000 und 1899 – das sind 900 Jahre, konnten 911 Datenpunkte eruiert werden. Daraus lässt sich erkennen, dass aus den letzten 100 Jahren ca. 100mal so viel Information vorhanden ist, als aus dem Zeitraum 1000 – 1899. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Seismizität in diesem Zeitraum zugenommen hat, sondern dass die Datenfülle historischer Ereignisse zunimmt, je mehr man sich der Gegenwart nähert.
Generell kann festgestellt werden, dass vor allem die Epizentralintensität in vielen Fällen im Erdbebenkatalog zu hoch angesetzt war. Dieser Umstand ist häufig bei historischen Erdbeben anzutreffen und stellt kein Charakteristikum des österreichischen Erdbebenkatalogs dar.
Dem Beben vom 27. August 1668 konnten auf Grund unzureichender historischer Information keine Parameter zugeordnet werden. Zwei bisher nicht angeführte Erdbeben, 1774 01 15 und 1874 03 10 wurden in den österreichischen Erdbebenkatalog aufgenommen, die Beben hatten immerhin eine Epizentralintensität von Io = 6° und 5° EMS.

Neue Erdbebenparameter der wichtigsten Erdbeben in Niederösterreich zwischen 1000 und 1900.

Jahr Mo T H M S Lat. Long. z* M* I0 Epizentrum Rerr in km
1590 06 29 48,14 15,99 12 4,5 6 Hochstrass 40
1590 09 15 23 50 48,26 16,07 6 5,75 9 Riederberg 10
1668 08 27 Für dieses Erdbeben ist es nicht möglich auf Grund der Quellen- und Literaturinformation Parameter abzuschätzen, daher wird dieses Beben für zukünftige Berechnungen nicht mehr herangezogen.
1712 04 10 47,81 16,24 7 4,0 6 Wiener Neustadt 5
1734 01 06 48,03 16,26 7 3,0 4-5 Bei Baden/Wien 3
1768 02 27 01 45 47,81 16,24 9 5,0 7 Wiener Neustadt 4
1774 01 15 12 38 47,81 16,24 7 4,1 6 Wiener Neustadt 10
1841 07 13 12 30 47,81 16,24 7 4,0 6 Wiener Neustadt 5
1870 01 18 00 15 47,74 15,98 7 3,4 5 Sieding 4
1873 01 03 18 48,16 15,99 10 4,0 5-6 Eichgraben 18
1874 03 10 47,91 16,30 7 3,3 5 Sollenau 15
1875 06 12 22 40 48,27 16,08 8 3,1 4-5 Ollern 10
1876 07 17 12 17 48,00 15,17 8 4,4 6-7 Scheibbs 10
1885 09 22 47,66 16,14 5 3,6 6 Scheiblingkirchen 10
1895 01 28 20 59 48,29 15,69 4 3,1 5-6 Herzogenburg 5
1898 09 28 18 35 47,88 16,37 6 2,8 4-5 Ebenfurth 5
1898 11 26 01 29 47,68 15,96 5 2,6 4-5 Gloggnitz 5
1899 06 11 00 30 47,97 16,44 5 3,2 5-6 Ebreichsdorf 5
1899 12 28 16 25 47,66 16,16 3 2,0 4-5 Scheiblingkirchen 2
Projektbeginn2003
Projektende2010
Projektteam
Ansprechpartner Abteilung Fachgebiet E-Mail Telefon
Hammerl Christa Dr.ZAMG Wien/GEO +43 1 36026 2516
FinanzierungNiederösterreichische Landesregierung
PublikationenHammerl, Christa: Historical Earthquakes in Lower Austria – Source Investigation. Abstract. Proc. of XXIX ESC General Assembly, Potsdam, Deutschland, 12-17 September 2004.

Hammerl, Christa: Historical earthquakes in Lower Austria - source investigation. Proc. of the First European Conference on Earthquake Engineering and Seismology. 3-8 September 2006, Genf, Schweiz.

Hammerl, Christa: Historische Erdbebenforschung in Niederösterreich. Die khirchen dermassen zerschmetert und zerlittert, das man nit darein darf … In: Studien und Forschungen aus dem NÖ Institut für Landeskunde. In Druck