Stürme

Der Mythos der stürmischen Gegenwart

Um 1990 herum gaben eine Reihe von Sturmereignissen Anlass zur Sorge, das Sturmklima würde sich aufgrund der steigenden Temperaturen generell turbulenter gestalten. Seither ist die Sturmtätigkeit aber wieder zurückgegangen und um 1900 – also vor dem Einsetzen des vom Menschen verstärkten Treibhauseffekts – waren die Zeiten stürmischer.

Messreihen der Windgeschwindigkeit sind mit großer Vorsicht zu genießen: Die exakte Messung von Böen ist schwierig, lange Zeitreihe sind selten und aufgrund der starken kleinräumigen Unterschiede ist eine Homogenisierung nicht möglich. Erst seit den 1980er-Jahren wird die Windgeschwindigkeit allmählich automatisch registriert, es verwundert also nicht, dass oft vom stärksten, je an einer gewissen Station gemessenen Sturm die Rede ist – die Messreihen sind zu kurz.

Wind über Umwege aus Luftdruck bestimmt

Um dennoch gültige Aussagen für einen längeren Zeitraum treffen zu können, kann ein Umweg über weit zurück reichende, in hoher Qualität vorliegende Luftdruckreihen gegangen werden. Wind und damit auch die Sturmtätigkeit lassen sich nämlich aus räumlichen Luftdruckunterschieden berechnen.

Das überraschende Ergebnis: In den drei untersuchten Regionen Europas (Nordwest-, Nord- und Mitteleuropa) gibt es langfristig keinen Trend zu mehr Stürmigkeit (Abb. 1). Im Mitteleuropa ist sogar ein Rückgang gegenüber der stürmischeren Zeit um 1900 deutlich. In allen drei Regionen war das Sturmklima von den 1920er-Jahren bis in die 1970er-Jahre relativ ruhig. Besonders in Nordeuropa stieg die Sturmtätigkeit danach vorübergehend an, seit etwa 1990 ist sie aber überall wieder rückläufig.

3-2-7_1_Sturmidizes
Abb. 1: Entwicklung eines Index der Häufigkeit von starken Stürmen über Nordwest- (blau), Nord- (grün) und Mitteleuropa (rot) 1880/81–2001/05. Dargestellt sind geglättete Trends (20-jähriger Gauß’scher Tiefpassfilter) (Matulla u.a. 2007).

Die Stürmigkeit hat langfristig nicht zugenommen

Auch andere Untersuchungen über das Sturmklima über Nordwesteuropa verdeutlichen zwar die hohe Variabilität auf jährlichen und dekadischen (10- bis 50-jährigen) Zeitskala, zeigen aber keine Zunahme der Stürmigkeit während der letzten 100 Jahre. Die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete über Europa haben sich demnach weiter nach Norden bzw. Nordosten hin verlagert.

 

Literatur:

Alexandersson H., Schmith T., Iden K., Tuomenvirta H. (2000): Trends of storms in NW Europe derived from an updated pressure data set. Climate Research 14, 71–73 (PDF-Datei; 0,13 MB)

Böhm R. (2010): Heiße Luft – nach Kopenhagen. Reizwort Klimawandel. Fakten – Ängste Geschäfte. 2. Aufl. Wien, Klosterneuburg: Edition Va Bene, 280 Seiten, ISBN 978-3851672435

Fischer-Bruns I., von Storch H., González-Rouco F., Zorita E. (2005): Modelling the variability of midlatitude storm activity on decadal to century time scales. Climate Dynamics 25, 461–476, doi:10.1007/s00382-005-0036-1

Leckebusch G.C., Ulbrich U. (2004): On the relationship between cyclones and extreme windstorm events over Europe under climate change. Global and Planetary Change 44, 181–193, doi:10.1016/j.gloplacha.2004.06.011

Matulla C., Schöner W., Alexandersson H., von Storch H., Wang X.L. (2007): European storminess: late nineteenth century to present. Climate Dynamics 29, doi:10.1007/s00382-007-0333-y

Sonnblick-Observatorium
zur Sonnblick-Website (© ZAMG)
Phänologie-PhenoWatch
zum Phänologie-Portal (© ZAMG)
HISTALP
zur HISTALP-Website (© ZAMG)