Zukunft

Wie lange gibt es noch Alpengletscher?

Die kleinen und mittleren Gletscher werden bis zum Ende des 21. Jahrhunderts verschwunden sein, die großen, in stark verkleinerter Form, das 22. Jahrhundert noch erleben. Die österreichischen Gletscher werden aufgrund der geringeren Gipfelhöhen früher abschmelzen als die im Mittel höhergelegenen Gletscher der Westalpen.

Wie sich die Alpengletscher in Zukunft verhalten werden, hängt einerseits davon ab, wie dick ihr Eis ist, inwieweit sie mit dem momentanen Klima im Gleichgewicht stehen und wie sich die treibenden meteorologischen Faktoren wie Strahlung, Lufttemperatur , Niederschlag und Wind über längere Zeit verändern werden. Im jetzigen Treibhauszeitalter ist das vor allem eine Funktion der Entwicklung der Menschheit, ihrer Wirschaftstätigkeit und ihrer Lebensweise.

Bis zum Ende des Jahrhunderts gehen rund 83 % der Gletscherfläche verloren

Detaillierte Gletschermodelle , die das gesamte Gletschersystem und seine Wechselwirkungen erfassen können – also sowohl die Fließdynamik des Eises, die Gestaltung des Eisuntergrundes und andere Faktoren wie die Schuttbedeckung und Strahlungsexposition der Eisoberfläche – sind rechenaufwendig und können momentan nur für einzelne Gletscher angewendet werden. Daher muss man sich für Zukunftsszenarien von Gletschern oft mit einfacheren, aber gut durchdachten statistischen Methoden behelfen. Eine davon wurde vom World Glacier Monitoring Service (WGMS) in Zürich erarbeitet. Sie koppelt Änderungen von Temperatur und Niederschlag aus IPCC-Szenarien an der Gleichgewichtslinie der untersuchten Alpengletscher mit der noch aktiven Gletscherfläche, ausgehend von Massenbilanzdaten des Zeitraums 1971–90. Alle oberhalb der neuen Gleichgewichtslinie verbleibenden Gletscherflächen stellen das neue Nähr- oder Akkumulationsgebiet des Gletschers dar. Steigt die Gleichgewichtslinie über das Gipfelniveau des Gletschers an, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Eisreste wegschmelzen. Je nachdem wie dick das Eis ist, können noch Jahre, bei großen Gletschern Jahrzehnte vergehen.

Mit der durchaus plausiblen Modellwelt des IPCC-Szenarios A1B als Grundlage verbleiben zur Mitte des 21. Jahrhunderts noch 37 bis 56 % der aktiven Gletscherfläche in den Alpen (gegenüber dem Zeitraum 1971–90), je nachdem ob der Niederschlag ab- oder zunimmt. Gegen Ende des 21. Jahrhunderts sind dann nur noch 13 bis 20 % der Fläche vorhanden.

5-2-5_1_Zukunftsdiagramm
Abb. 1: Diagramm zur Abschätzung der künftigen Entwicklung der Alpengletscher. Die erwartete Temperaturänderung kann entlang der x-Achse gewählt werden, die sechs verschiedenfärbigen Ganglinien stehen für unterschiedliche Niederschlagsentwicklungen. An der y-Achse kann die resultierende verbleibende Gletscherfläche mit aktiven Nährgebieten abgelesen werden (in % des Basiswertes 1971–90). Zwei plausible Zustände (IPCC-Modellwelt A1B) für die Alpen zur Mitte (+1,5° C) und gegen Ende des 21. Jahrhunderts (+3,5° C) wurden hervorgehoben, wobei unsichere Niederschlagsveränderung zwischen –10 und +10 % schwankt (Zemp 2006).

In Österreich schwinden die Gletscher noch stärker

Vergleicht man die einzelnen Alpenländer, so erweisen sich die Schweizer Gletscher als am stabilsten, gefolgt von den italienischen, französischen, österreichischen und den deutschen. Österreich steigt durch die im Schnitt geringeren Gipfelhöhen gegenüber den Westalpen wesentlich ungünstiger aus, mit nur mehr 20 % bzw. 7 % aktiver Gletscherfläche zur Mitte bzw. zum Ende des 21. Jahrhunderts. Alpine Eisriesen wie der Aletschgletscher, der Rhonegletscher, die beiden Grindelwaldgletscher, Mer de Glace, Glacier des Bossons, Gepatsch- und Hintereisferner, die Sulzbachkeese und die Pasterze werden zu Beginn des 22. Jahrhundert noch vorhanden sein – wenn auch in stark verkleinerter Form.

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Abb. 2: Links: Karte der potenziell verbleibenden aktiven Nährgebiete der Pasterze nach unterschiedlich starken Temperaturzunahmen von +1 bis +5° C gegenüber dem Mittel 1971–90 (Zemp 2006, bearb.). Rechts: Abschätzungs des Rückgangs der vergletscherten Fläche des Goldbergkeeses von 2003 bis 2020 bzw. 2050 auf der Basis der Massenbilanzen 1992–98, der Eisdickenkarte 2003 und unter der Annahme einer vernachlässigbaren Fließgeschwindigkeit. Das Szenario beinhaltet einen weiteren linearen Temperaturanstieg bis zu Verhältnissen, die um das Jahr 2100 im Mittel denen des Sommers 2003 entsprechen, für den es eine gemessene Massenbilanz gibt. Der Niederschlag wurde nicht verändert (Böhm u.a. 2007).

Nur von den heute größten Gletscher bleiben Reste

Für Österreich bedeutet das ein vergleichsweise langes Leben für die großen Talgletscher im Vergleich zu den mittelgroßen bis kleinen Gebirgsgletschern. Mögliche Zukunftszenarien berechnet mit unterschiedlichen Methoden für einzelne große und kleine Gletscher zeigt Abbildung 2 für Pasterze und Goldbergkees und Abbildung 3 für Fernauferner und Gepatschferner.

Der Schmelzabfluss der Gletscher wird in den kommenden Jahren aufgrund stärkerer Schmelze (höhere Temperaturen) weiter zunehmen, dann aber einem gewissen Zeitpunkt aufgrund der steten Verkleinerung der noch vorhandenen Eisfläche wieder abnehmen. Berechnungen zeigen, dass dieser Zeitpunkt für die kleinen bis mittelgroßen Gletscher in etwa 40 bis 60 Jahren, für die großen in etwa 70 bis 90 Jahren erreicht sein könnte.

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Abb. 3: Abschätzung der zukünftigen Gletscherausdehnung auf Basis der Eisdickenkarte 2006, der Höhenänderung 1997–2006 und einer Empfindlichkeit der Massenbilanz in Abhängigkeit der Temperatur für den Gepatschferner (Fläche 2006: 16,6 km²) und den Fernauferner (Fläche 2006: 1,5 km²). Der Niederschlag wurde nicht verändert. Das Jahr 2050 entspricht ungefähr den Szenarien +1 bis +2° C, das Jahr 2100 den Szenarien +3 bis +4° C gegenüber 2006 (Olefs u.a. 2009).

 

Literatur:

Binder D., Brückl E., Roch K.H., Behm M., Schöner W., Hynek B. (2009): Determination of total ice volume and ice-thickness distribution of two glaciers in the Hohe Tauern region, Eastern Alps, from GPR data. Annals of Glaciology 50/51, 71–79, doi:10.3189/172756409789097522

Böhm R., Schöner W., Auer I., Hynek B., Kroisleitner C., Weyss G. (2007): Gletscher im Klimawandel. Vom Eis der Polargebiete zum Goldbergkees in den Hohen Tauern. Wien: Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, 111 Seiten, ISBN 987-3200010130

Olefs M., Kuhn M., Fischer A. (2009): The effect of climate change on the runoff behaviour of glacierised Alpine catchments with regard to reservoir power stations. Geophysical Research Abstracts 11. In: EGU Gerneral Assembly 2009, Wien, Österreich, 19.–24.4.2009 (PDF-Datei; 0,11 MB)

Zemp M. (2006): Glaciers and climate change. Spatiotemporal analysis of glacier fluctuations in the European Alps after 1850. Zürich: Universität Zürich, 67 Seiten (= Schriftenreihe Physische Geographie, Glaziologie und Geomorphodynamik 49) (Website)

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