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24.08.2016

Schweres Erdbeben in Mittelitalien am 24. August 2016

Starke Schäden und Tote im Epizentralbereich

Am Mittwoch, den 24. August 2016 begann nachts im Bereich des zentralen Apennins zwischen der Stadt Norcia (Provinz Perugia) und der Gemeinde Amatrice (Provinz Rieti) eine Erdbebenserie die bereits mehr als 250 Tote forderte und mindestens 350 Verletzte. Die beiden stärksten Erdbeben ereigneten sich um 3:36 Uhr MESZ und um 4:33 Uhr MESZ mit einer Magnitude von 6,0 und 5,4 (INGV). Ihre Epizentren lagen bei Accumoli (42,71°N, 13,22°O) und bei Norcia (42,79°N, 13,15°O). Die geringe Herdtiefe von etwa 4 km führt zu starken Gebäudeschäden. Im am stärksten betroffenen Ort Amatrice sind ganze Häuser eingestürzt. Viele Touristen strömten in Panik auf die Strassen und verbrachten die Nacht im Freien. Auch Krankenhäuser und Seniorenheime in den betroffenen Provinzen wurden beschädigt und evakuiert. Die Zugangsstrassen zu mehreren Ortschaften wie Arquata del Tronto, Accumoli oder Amatrice wurden aufgrund von Massenbewegungen blockiert oder sind durch den drohenden Einsturz von Brücken nicht erreichbar. Die Bevölkerung wurde in Schul- und Sportzentren untergebracht. Verspürt wurde das Beben in Italien im Bereich zwischen Bozen und Neapel. In Österreich wurden die Erschütterungen nur mehr von wenigen Personen schwach wahrgenommen, vor allem in höheren Stockwerken in Innsbruck, Klagenfurt und Villach.

 Schweres Erdbeben in Mittelitalien am 24. August 2016

Registrierung des starken Erdbebens in Mittelitalien vom 24. August 2016 um 01:36 Uhr Weltzeit (03:36 Uhr MESZ) an den Vertikalkomponenten der Breitbandstationen CONA (Conrad-Observatorium, Niederösterreich), RONA (Rosaliengebirge, Niederösterreich), BIOA (Bad Ischl, Oberösterreich) und VIE (Wien, Hohe Warte) des Österreichischen Erdbebendienstes. Die mit ‚P‘ markierten Einsätze entsprechen der Ankunftszeit der Kompressionswelle welche für die Strecke von 650 km nach Wien etwa 85 Sekunden benötigte.

 

Registrierungen mit dem Messnetz des Erdbebendienstes

Das Hauptbeben wurde an allen seismischen Stationen des Österreichischen Erdbebendienstes aufgezeichnet. Aus dieser Erdbebenserie wurden in Österreich bisher 40 Beben ausgewertet: 32 Beben mit einer Magnitude zwischen 3,0 und 4,0 sowie 6 Beben mit einer Magnitude größer als 4,0. Nach Angaben des INGV (National Institute of Geophysics and Volcanology, Rom) wurden bisher insgesamt über 200 Beben registriert: 70 Beben mit einer Magnitude zwischen 3,0 und 4,0 sowie 6 Beben mit einer Magnitude größer als 4,0 (Stand 15h MESZ). 

 

Gravimetrische Aufzeichnung am Conrad Observatorium

Das Erdbebensignal wurde auch vom Gezeitengravimeter am geophysikalischen Conrad Observatorium im niederösterreichischen Trafelberg aufgezeichnet. Die hochauflösenden Schweremessgeräte (Gravimeter) zeichnen normalerweise die Gezeiten und Veränderungen der Erdkruste auf.

 Schweres Erdbeben in Mittelitalien am 24. August 2016

Die Abbildung zeigt das Schweresignal vom 24. August 2016 um 01:36 Uhr Weltzeit. Die gravimetrische Aufzeichnung der Schwingungen am Conrad Observatorium, ausgelöst durch das Hauptbeben sind deutlich sichtbar.

 

Historische Erdbeben und Gefährdung

Das Gebiet im Bereich des zentralen Apennins um die Stadt Norcia wurde von mehreren starken Erdbeben in der Vergangenheit getroffen. Die zwei größten historisch dokumentierten Erdbeben ereigneten sich in 1639 bei Amatrice (Magnitude ~6,0; Intensität 9-10°) und 1703 bei Aquilano (Magnitude ~6,7; Intensität 10°). Ähnlich dem Gebiet bei L’Aquila befindet sich das aktuell betroffene Gebiet in einer Zone mit einer hohen Erdbebengefährdung. Für eine Überschreitungswahrscheinlichkeit von 10% in 50 Jahren (475 Jahre Wiederkehrperiode) ergibt sich für den Standort Norcia eine Spitzenbodenbeschleunigung (PGA) zwischen 2,5 und 2,75 m/s². In Österreich liegen die Werte mit der höchsten Erdbebengefährdung (Region westlich Murau und Grenzregion Kärnten-Norditalien) etwa um den Faktor 1,6 darunter.

 

Das Erdbeben von L’Aquila im Jahr 2009

Das Erdbeben von L’Aquila in der Region Abruzzen (42,33°N, 13,33°E) ereignete sich am 6.April 2009 um 03:32 Uhr Ortszeit (01:32 UTC). Vom Amerikanischen Erdbebendienst (USGS) wurde die Stärke des Hauptbebens mit einer Magnitude (MW) von 6,3, die Tiefe mit 8,8 km angegeben. Das Epizentrum befand sich 5 Kilometer südwestlich des Stadtzentrums von L’Aquila, das etwa 95 Kilometer nordöstlich von Rom liegt. Das Beben war bis nach Rom sowie bis nach Pescara an der Adriaküste im Osten des Landes zu spüren. Ausläufer der Erdstöße wurden sogar in Klagenfurt vereinzelt von Bewohnern in Hochhäusern mit einer Intensität von 2 Grad auf der zwölfstufigen Europäischen makro-seismischen Skala (EMS-98) wahrgenommen.

Es waren 308 Todesopfer zu beklagen, 67.000 Menschen wurden obdachlos und es war eine Herausforderung sie in provisorischen Zeltstädten und Hotels an der Adriaküste unterzubringen. Insgesamt sind bis zu 15.000 Gebäude von den Erdstößen beschädigt worden. Die Altstadt von L’Aquila wurde schwer beschädigt. Die größten Zerstörungen waren östlich von L’Aquila zu verzeichnen, Onna wurde z.B. fast völlig zerstört.

Der Bebenherd lag im zentralen Bereich des Apennins, der eine komplexe tektonische und geologische Struktur aufweist. Der Spannungsaufbau ist einerseits durch die Subduktion der adriatischen Mikroplatte von Osten nach Westen, andererseits durch die Kollision von Eurasischer - und Afrikanischer Platte bedingt.

Das Beben ist neben den zahlreichen Erdbebenopfern auch wegen des in der Geschichte einzigartigen Prozesses gegen Erdbebenexperten in Erinnerung.

Der Österreichische Erdbebendienst   

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