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27.10.2016

Erneut zwei schwere Erdbeben in Mittelitalien

Starke Schäden im Epizentrum

Am Mittwoch, den 26. Oktober 2016 erschütterten zwei starke Erdbeben die südliche Grenzregion der Regionen Marken und Umbrien. Sie ereigneten sich abends um 19:10 Uhr und um 21:18 Uhr MESZ mit Magnituden von 5,4 und 5,9 (INGV). Ihre Epizentren lagen bei Castelsantangelo sul Nera (42,88°N, 13,13°O und 42,92°N, 13,13°O) in der Provinz Macerata. Es handelt sich um den nördlichen Teil des Gebietes, das durch die Erdbebenserie vom 24. August 2016 stark betroffen war. Die aktuellen Herdtiefen betrugen etwa 8 km.

Die am stärksten betroffenen Orte sind Visso, Ussita, Castelsantangelo sul Nera, Muccia, Pieve Torina, San Ginesio, Camerino und Caldarola. Es wird über Gebäudeschäden und über Einstürze von bereits vorgeschädigten Häusern und zweier Kirchen berichtet. Nach Angaben des italienischen Zivilschutzes ist mit tausenden Obdachlosen zu rechnen.

Im Epizentralgebiet ist in den nächsten Tagen und Wochen mit einer Nachbebentätigkeit zu rechnen die zu weiteren spürbaren Erschütterungen führen können. Nicht auszuschließen sind Erdbeben, die zu weiteren Gebäudeschäden führen können. Verspürt wurde das Beben von Norditalien bis nach Neapel sowie in Österreich, Slowenien, Kroatien.

 

Wahrnehmungen der Erschütterungen in Österreich

In Österreich wurden die Erschütterungen in weiten Teilen deutlich wahrgenommen. Bisher sind etwa 250 Wahrnehmungsmeldungen via Online-Formular beim Erdbebendienst der ZAMG eingelangt. Zahlreiche Meldungen stammen aus Städten im südlichen Teil Kärntens sowie dem Gebiet entlang des Inntals zwischen Innsbruck und Kufstein. Viele Personen, vor allem in höheren Stockwerken, berichteten über ein langsames Schwanken, schwache Bewegungen von Flüssigkeiten in Gläsern und ein schwaches Schwingen hängender Gegenstände. Einige Personen erschraken oder reagierten mit Angst. Sogar in Wien konnten in einzelnen Fällen ein leichtes Schwanken in Hochhäusern bemerkt werden.

 Erneut zwei schwere Erdbeben in Mittelitalien

Registrierung des starken Erdbebens in Mittelitalien vom 26. Oktober 2016 um 19:18 Uhr Weltzeit (21:18 Uhr MESZ) an den Vertikal- und Horizontalkomponenten der Breitbandstation CONA (Conrad-Observatorium, Niederösterreich), Die Länge des Ausschnitts beträgt acht Minuten. Der mit ‚P‘ markierte Einsatz, entspricht der Ankunftszeit der Kompressionswelle welche für die Strecke von 600 km etwa 80 Sekunden benötigte.

Registrierung der starken Nachbebentätigkeit

Die beiden stärksten Erdbeben wurden an allen seismischen Stationen des Österreichischen Erdbebendienstes aufgezeichnet. Aus dieser Erdbebenserie wurden in Österreich bisher 21 Beben automatisch detektiert, mehr als 80 sind durch unsere Seismologen identifiziert worden und werden manuell bearbeitet. Nach Angaben des INGV (National Institute of Geophysics and Volcanology, Rom) wurden seit gestern bisher insgesamt über 200 Beben registriert: 40 Beben mit einer Magnitude zwischen 3,0 und 4,0 sowie zwei Beben mit einer Magnitude größer als 5,0 (Stand 10h MESZ).

 

Erdbebengefährdung des zentralen Apennins

Das Gebiet im Bereich des zentralen Apennins um die Stadt Norcia wurde von mehreren starken Erdbeben in der Vergangenheit getroffen. Die zwei größten historisch dokumentierten Erdbeben ereigneten sich 1639 bei Amatrice (Magnitude ~6,0; Intensität 9-10 Grad) und 1703 bei Aquilano (Magnitude ~6,7; Intensität 10 Grad). Die gestrigen starken Erdbeben bei Castelsantangelo sul Nera (Magnitude 5,4 und 5,9) befinden sich in der bisherigen seismischen Lücke zwischen zwei benachbarten Gebieten in denen kürzlich starke Erdbeben auftraten. Im nördlich gelegenen Gebiet, bei Assisi-Perugia, trat am 26. September 1997 ein Erdbeben auf, bei dem 10 Menschen starben und zahlreiche Kunstdenkmäler beschädigt wurden (Magnitude 6,0, Intensität 8-9 Grad). Das Epizentrum befand sich etwa 25 km nordwestlich von dem der gestrigen beiden Beben. Das südliche Gebiet wurde durch das Erdbeben am 24. August 2016 schwerstens getroffen (Magnitude 6,0).

Ähnlich dem Gebiet bei L’Aquila befindet sich das aktuell betroffene Gebiet in einer Zone mit einer hohen Erdbebengefährdung. Für eine Überschreitungswahrscheinlichkeit von 10% in 50 Jahren (475 Jahre Wiederkehrperiode) ergibt sich für den Standort Norcia eine Spitzenbodenbeschleunigung (PGA) von etwa 2,5 m/s². In Österreich liegen die Werte mit der höchsten Erdbebengefährdung (Region westlich Murau und Grenzregion Kärnten-Norditalien) etwa um den Faktor 1,5 darunter.

 

Die Erdbebenserie von Amatrice im August 2016

Am Mittwoch, den 24. August 2016 begann nachts im Bereich des zentralen Apennins zwischen der Stadt Norcia (Provinz Perugia) und der Gemeinde Amatrice (Provinz Rieti) eine Erdbebenserie die 298 Tote und mehr als 350 Verletzte forderte. Die beiden stärksten Erdbeben ereigneten sich um 3:36 Uhr MESZ und um 4:33 Uhr MESZ mit einer Magnitude von 6,0 und 5,4 (INGV). Ihre Epizentren lagen bei Accumoli (42,71°N, 13,22°O) und bei Norcia (42,79°N, 13,15°O). Die geringe Herdtiefe von etwa 4 km führte zu starken Gebäudeschäden. Im am stärksten betroffenen Ort Amatrice sind ganze Häuser eingestürzt. Viele Touristen strömten in Panik auf die Strassen und verbrachten die Nacht im Freien. Auch Krankenhäuser und Seniorenheime in den betroffenen Provinzen wurden beschädigt und evakuiert. Die Zugangsstrassen zu mehreren Ortschaften wie Arquata del Tronto, Accumoli oder Amatrice wurden aufgrund von Massenbewegungen blockiert oder waren durch den drohenden Einsturz von Brücken nicht erreichbar.

Nach Angaben des INGV (National Institute of Geophysics and Volcanology, Rom) wurden zwischen dem 24. August und heute, dem 27. Oktober, mehr als 18.000 Erdbeben in dem etwa 60 km langem Gebiet zwischen Amatrice und Norcia registriert: 290 Ereignisse mit einer Magnitude zwischen 3 und 4, und vier Erdbeben mit einer Magnitude größer als 5.

Der Erdbebendienst der ZAMG
Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik
1190 Wien, Hohe Warte 38
Telefon: +43 1 360 26 2508
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